André Derain, Sperimentatore controcorrente

Mit der Retrospektive des experimentierfreudigen Künstlers André Derain (*1880, Chatou bei Paris – 1954 Garches bei Paris), setzt das Kunstmuseum Mendrisio seine Reihe der modernen Meister fort. Es ermöglicht, so einen heute beinahe vergessenen französischen Zeichner, Maler und Bildhauer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seiner ganzen, historisch geprägten Vielfalt wiederzuentdecken.

Die thematisch und chronologisch geordnete Ausstellung zeigt den widersprüchlichen, durch die traumatischen Erlebnisse zweier Weltkriege geprägten Werdegang des französischen Künstlers. Von den lichtstarken Landschaften der Anfänge über die Farbenexplosion des Fauvismus an der Seite von Matisse und Vlaminck zur «Rückkehr zur Ordnung» in der Zwischenkriegszeit, nach vier Jahren an der Front. Während Derain zu Beginn des Jahrhunderts mit der Malergruppe der ‹Fauves› massgeblich an der Entwicklung der historischen Avantgarden beteiligt war, hat er sich ab den zwanziger Jahren mehr und mehr einem teils naturalistischen, teils idealistischen Stil verschrieben. Damit geriet der Freund und Weggefährte von Matisse, Picasso oder Giacometti immer mehr in Vergessenheit. Die Bandbreite seiner malerischen Sprache zeigt sich beim Vergleich von Arbeiten aus unterschiedlichen Epochen: Das Gemälde ‹Le vieil arbre› von 1904 wirkt schon fast abstrakt mit seinem diagonalen Bildaufbau, seinen wild aufgesetzten Pinselhieben, den knalligen Farbflecken und spannungsvollen Linien. Ganz anders wirkt das Ölgemälde ‹Paysage de Provence› von 1930. Hier reicht die Farbskala von den Naturtönen Beige zu Olive, von Rotbraun zu Dunkelgrün und Blau. Die Komposition folgt der Drittels­regel – Vordergrund, Mittelgrund, Himmel – der Horizont zerschneidet das Bild genau in der Mitte. Die Stämme der Zypressen ragen parallel zur Bildkante in die Höhe, kein einziger Baum stösst diagonal in die horizontal geschichtete Landschaft. Vom chaotischen, fast schwindelerregenden Bildaufbau der frühen Gemälde hat er hier zu einer geometrischen Ordnung gefunden, statt knallige Rot-, Blau- und Grüntöne auf die Leinwand zu setzen, arbeitete er mit dezent abgetönten Farbverläufen. Statt mit harten, hastigen Gesten trug er die Materie mit kontrollierten, fast braven Strichen auf. Von den ‹Fauves› zurück zur Ordnung. Das tönt wie ein politisches Statement und scheint auch symptomatisch für sein Leben. Nachdem er sich nach einer – möglicherweise forcierten – Beteiligung an einer Propagandareise nach Berlin im Jahr 1941 gegen den Vorwurf der Kollaboration wehren musste, zog er sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Derain war ein Produkt einer kriegstraumatisierten Zeit und die Brüche in seiner Kunst deren Spiegel.



27.9.2020-31.1.2021
Painting
Mendrisio Museo d’Arte


Published in
Kunstbulletin 1-2/2021

André Derain, Le vieil arbre, 1904, Öl auf Leinwand, Centre Pompidou, Musée national d’art moderne-Centre de création industrielle. © 2020, ProLitteris, Zurich
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André Derain, Le vieil arbre, 1904, Öl auf Leinwand, Centre Pompidou, Musée national d’art moderne-Centre de création industrielle. © 2020, ProLitteris, Zurich

André Derain, Paysage de Provence, 1930, Öl auf Leinwand, Privatsammlung. © 2020, ProLitteris, Zurich
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André Derain, Paysage de Provence, 1930, Öl auf Leinwand, Privatsammlung. © 2020, ProLitteris, Zurich